Gärtnern in der Stadt

Wie Kleingärtner zu Klimarettern werden!

Ein Vorbild für die Umweltbildung in Neukölln: die Kolonie Britzer Wiesen. Warum und wie Kleingartenanlagen der Gesellschaft und der Umwelt dienen können, zeigt ein Besuch bei den Kolonisten der Britzer Wiesen.

Die Sehnsucht nach einem eigenen Stück Garten wächst, auch bei den Berlinerinnen und Berlinern. Gleichzeitig wächst der Flächendruck, weil Wohnraum knapp und teuer ist. Viele Kleingartenkolonien fürchten um ihre Existenz. Insgesamt gibt es in Berlin 876 dieser Anlagen, 90 davon in Neukölln. Kann sich eine wachsende Hauptstadt mehr als 71.000 Kleingärten mit einer Gesamtfläche von 3000 Hektar überhaupt leisten?
Es kommt darauf an, meint Ronald Schneider, einer der Vorstände der Kolonie Britzer Wiesen, dessen Großeltern und Eltern nach dem 2. Weltkrieg in dieser Kolonie schon ansässig waren: „Wenn wir es als Kleingärtner schaffen, einen nachvollziehbaren Mehrwert für Gesellschaft und Umwelt zu generieren, dann kann man auf uns langfristig nicht verzichten. Wenn wir auf Gemeinsinn pfeifen und nur die individuelle Pacht und unsere Freizeitinteressen mit Swimmingpool, Trampolin, betonierter Terrasse und Golfrasen im Blick haben, dann werden wir an Akzeptanz verlieren und eher schlechte Karten haben.“ Am fehlenden Interesse liegt es jedenfalls nicht. Die Warteliste der Kolonie Britzer Wiesen für potentielle Laubenpieper ist lang. Gerade bei jungen Menschen, die einen nachhaltigen Lebensstil anstreben, liegt Gärtnern wieder im Trend.

Teilen statt Pachten

Großen Zuspruch erfahren auch die Gemeinschaftsgärten, die sich zum Beispiel auf dem Tempelhofer Feld gegründet haben, oder die Kreuzberger Prinzessinnengärten. Diesen Herausforderungen und dem Bewusstseinswandel werden sich auch die Kolonisten stellen müssen: Mehr teilen, weniger pachten, lautet die Devise. Außerdem verwechseln einige Pacht mit Eigentum. Für einen Kleingarten mit 400 Quadratmetern zahlt man in der Kolonie Britzer Wiesen im Jahr zwischen 600 und 700 Euro Pacht inklusiv aller Nebenkosten. Mancher Garagenparkplatz in Berlin kostet mehr. Und klar ist, dass man mit und auf dieser gepachteten Grünfläche nicht alles machen kann, was man will. Die Pachtvorteile aber auch die Pflichten in Bezug auf die kleingärtnerische Nutzung und die individuelle Bebauung sind im Bundeskleingartengesetz und den entsprechenden örtlichen Verwaltungsvorschriften verankert. Im Koalitionsvertrag des Rot-Grün-Roten Senats vom November 2021 steht, dass die Koalition einen klimagerechten Planungsansatz in die Stadt-, Landschafts- und Freiraumplanung integrieren und die Kleingartenvereine bei der sozialen, umwelt- und klimagerechten Ausrichtung unterstützen möchte.

Klimagerechte Bepflanzung
 „Kleingärten haben auch einen erzieherischen Auftrag“, sagt Elser Maxwell, Filmproduzent und Grimmepreisträger  und überzeugter Kleingärtner der Kolonie Britzer Wiesen. Er will genau diese soziale, umwelt- und klimagerechte Ausrichtung der Kolonie mit dem Vorstand voranbringen. „Mit der Natur umzugehen, muss man den Leuten vermitteln. Versiegelte Flächen und der Zierrasen der 70er gehören nicht in ein der Umwelt dienendes Konzept.“ Ob man sich sklavisch an das Bundeskleingartengesetz halten muss, welches noch aus den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammt, und in dem vorgesehen ist, dass auf 30 Prozent der Fläche Gemüse und Obst angebaut werden sollte, sei dahingestellt. Stattdessen ist es heutzutage sinnvoll, bestimmte Blühpflanzen zu sähen, damit Schmetterlinge, Hummeln & Co auch auf ihre Kosten kommen. Ganz im Sinne der Biodiversität, also der Artenvielfalt von Fauna und Flora in der Stadt. In den 40er-Jahren, als die Kolonie Britzer Wiesen gegründet wurde, stand die Selbstversorgung der Bevölkerung zu Kriegszeiten im Vordergrund. Heutzutage ist es der Klimawandel und das Artensterben, der jede CO2-kompensierende Grünfläche und jedes Krabbeltier wertvoll machen. Die Natur tritt wieder stärker ins Bewusstsein der Menschen.

Die Kolonie als Lernort
„Wir sind auch multikulturell unterwegs in unserer Kolonie“, betont Vorstand Schneider. „20 Nationen teilen sich hier 442 Parzellen und spiegeln somit ein Abbild unserer Gesellschaft“. Die Kolonie Britzer Wiesen ist kein in sich geschlossener Raum, der nur für Vereinsmitglieder zugänglich ist: Sie hat u. a. mit Senatshilfe einen Naturlehrpfad mit 21 informativen Schautafeln entwickelt und umgesetzt. Diese Infokästen beantworten (nicht nur) Kinderfragen, wie „Was bedeuten die Punkte beim Marienkäfer?“. Sie klären auch auf über Insektenhotels und Hochbeete sowie über allerhand Tiere und Pflanzen, die man in Stadtgärten so vorfindet. Man schlendert den von Bäumen gesäumten Hauptweg entlang und lernt dabei noch Sinnvolles über die Natur.

Beliebter Schulgarten
Ein bereits offiziell prämierter Schulgarten bietet den Kindern der nahegelegenen Oskar-Heinroth-Grundschule die Möglichkeit, auch außerhalb der Schule in der Arbeitsgruppe Schulgarten in den bereitgestellten Hochbeeten Kräuter, Gemüse und Kartoffeln anzubauen und es auch zu ernten. Jeden Mittwochnachmittag geht die Lehrerin Sonja Schabram mit den Nachwuchs-Gärtnern in die Kolonie. Auch im Spätherbst beim Laubharken sind die Dritt- bis Sechstklässler zu begeistern und entdecken im Schulgarten noch allerhand. Die Warteliste für die AG Schulgarten ist lang, weil sich immer mehr Kinder für das Entdecken der Natur interessieren und das Draußensein an der frischen Luft schätzen. „Der Schulgarten in der Kolonie ist eine echte Bereicherung für die Kinder“, sagt Svenja Schabram. „Ich möchte Kinder für die Natur begeistern, damit sie nicht die ganze Zeit vor ihren Computern sitzen. Es gibt Stadtkinder, die können eine Libelle von einem Schmetterling nicht unterscheiden, geschweige denn verschiedene Kräuter erkennen.“ Die AG Schulgarten vermittelt dieses Wissen spielerisch mit der Arbeit im Schulgarten.

Ein Ort der Erholung für Alle
Aber auch die Kolonie an sich, die jede Bürgerin, jeder Bürger als Park nutzen kann, bietet eine grüne Oase in der Großstadt und ein kleines Freigehege mit Bänken, auf denen man die glücklichen Hühner, Gänse und Kaninchen beobachten kann. Viele ältere Menschen aus der Seniorenwohnanlage im angrenzenden Ortolanweg nutzen die Kolonie Britzer Wiesen für ihre täglichen Spaziergänge. Das Vereinsheim der Kleingartenkolonie ist als öffentliche Gaststätte Britzer Wiesen ebenfalls für alle zugänglich und bietet günstige Speisen. Besonders beliebt ist der Mittwoch, da ist Schnitzeltag.
Die Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigungen von der Vereinigung für Jugendhilfe Berlin e.V. ist umrahmt von den Britzer Wiesen und kooperiert ebenfalls mit der Kolonie. „Wir nutzen die Anlage und den Schulgarten täglich mit unseren 70 Beschäftigten“, freut sich Carola Maahs, die Betreuerin. Außerdem helfen sie mit, die Kolonie sauber zu halten und sammeln Müll. Dafür bekamen sie Müllgreifer gestellt. In den Werkstätten bauen und verkaufen sie Vogelhäuschen, Fledermaus-Nistkästen und Insektenhotels, die wiederum am Lehrpfad auf den Infotafeln erklärt werden.

Der Weg in die Zukunft
Die Kolonie Britzer Wiesen ist mehr als eine Kleingartenanlage mit 442 Einzelparzellen. Die Kolonisten wollen sich zukünftig noch mehr öffnen und Angebote für Alle bereitstellen. Zum Beispiel ist ein Gemeinschaftsgarten geplant, bei dem auch Menschen mitgärtnern dürfen, die keine Parzelle haben. Und in Zusammenarbeit mit dem BUND planen sie auf einer Brachfläche ein Biotop. Wenn sich alle 90 Kleingartenanlagen in Neukölln für eine klima- und umweltgerechte Ausprägung entscheiden würden, mehr Gemeinschaftsflächen, Schulgärten und Umweltbildung anbieten, dann könnte Neukölln noch grüner und die Lebensqualität der Neuköllnerinnen und Neuköllnern weiter verbessert werden.

 Kurzinfos zur Dauerkleingartenanlage Britzer Wiesen e.V
Gegründet 1940
Anzahl der Parzellen: 442
Gesamtfläche: 211.000 m³
Bietet: Schulgarten mit Hochbeeten, Naturlehrpfad, kleines Freigehege
Plant: Den Schulgarten mit behindertengerechten Hochbeeten auszustatten, Gemeinschaftsgarten, Biotop, Co2-positiv zu werden, Lehmofen für den Schulgarten, um das frisch geerntete Gemüse zuzubereiten

DKGA Britzer Wiesen e.V.
Parchimer Allee 3, 12359 Berlin
Kontakt:
email: info@kolonie-britzer-wiesen.de
Telefon: 030/ 633 36 505http://kolonie-britzer-wiesen.de/
Sprechzeiten: Einmal im Monat, jeweils am zweiten Freitag zwischen 18 und 20 Uhr im Vereinsheim neben der Gaststätte Britzer Wiesen

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